Dienen statt dirigieren: Was Servant Leadership für Projekte bedeutet

Servant Leadership wirkt auf den ersten Blick paradox, da Führung hier als Dienen verstanden wird. In agilen Kontexten zeigt sich jedoch, dass Führungskräfte zunehmend als Unterstützer statt als Befehlshaber gefragt sind, da sie den Fokus auf die Entwicklung und Selbstständigkeit ihres Teams legen.
Fünf Holzfiguren stehen auf nach rechts gerichteten Pfeilen, eine blickt durch ein Fernrohr, vor braunem Hintergrund.

Inhalt

Die Wurzeln von Servant Leadership

Der Ansatz des Servant Leadership geht auf Robert Greenleaf zurück. Er begründete diesen in der Unternehmenspraxis, wobei sein Verständnis von Führung stark religiös und spirituell geprägt war: Führen bedeutet, den Menschen zu dienen. Dienen stellt dabei eine grundlegende Lebenshaltung dar, die aus der Spiritualität der Führungskraft erwächst und ihr Identität verleiht. So wurde der Grundstein für eine neue Führungstheorie gelegt. Eine heute verbreitete Definition von Laub beschreibt dienende Führung als ein Verständnis und eine Praxis, bei der der Nutzen der Geführten über dem Eigeninteresse der Führungskraft steht. Dabei werden Wertschätzung und Entwicklung gefördert, Gemeinschaft aufgebaut, Authentizität gelebt sowie Macht und Status zum Wohl des Einzelnen, der Organisation und ihrer Anspruchsgruppen geteilt.

Zentrale Merkmale dienender Führung

Durch die Konzentration auf den Dienst am Nächsten wird das Team an erste Stelle gestellt und seine langfristige Weiterentwicklung in den Mittelpunkt gerückt. Dabei gibt die Führungskraft Autorität ab und führt selbstlos. Diese Definition wurde durch verschiedene Attribute operationalisiert: aktives Zuhören, Empathie, Heilung, Bewusstsein, Überzeugungskraft, Konzeptualisierung von Visionen, Voraussicht, treuhänderische Verantwortung, Engagement zur Weiterentwicklung und Aufbau einer Gemeinschaft. Dazu gehört auch, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich das Team entfalten kann, in dem Arbeit unter bestmöglichen Bedingungen gelingt und in dem Weiterentwicklung gefördert wird, sodass sich die Mitglieder aufgehoben und unterstützt fühlen. Empathie und Wertschätzung zeigen sich darin, dass Servant Leader einfühlsam sind, aktiv zuhören und die Perspektiven anderer ernsthaft verstehen wollen, während sie zugleich die individuellen Bedürfnisse der Mitarbeitenden erkennen und erfüllen, um deren Wachstum zu unterstützen. Anstatt auf Autorität zu setzen, nutzen sie Überzeugungskraft sowie eine klare Vision. Sie stehen dem Team verantwortungsvoll zur Seite, gehen sorgsam mit Ressourcen um und stärken den Gemeinschaftssinn. Sie begreifen die Teilhabe an Entscheidungen als Chance für gemeinsamen Erfolg.

Unterschiede zur klassischen Führung

In klassischen Führungsmodellen trifft die vorgesetzte Person die Entscheidungen meist allein, gibt entsprechende Anweisungen und setzt nicht auf die Beteiligung der Mitarbeitenden. Sie stellt das eigene Wohl in den Mittelpunkt, interessiert sich primär für Ergebnisse und hört vor allem sich selbst reden. Im Gegensatz dazu setzt Servant Leadership auf Empowerment: Führungskräfte unterstützen ihre Angestellten, teilen relevante Informationen mit ihnen, fördern sie, behalten das große Ganze und das Wohl aller im Blick, stellen Wachstum und Entwicklung in den Vordergrund, hören aufmerksam zu, nehmen jede Meinung ernst, teilen ihre Macht und wollen im Sinne des Unternehmens vorankommen. Servant Leadership bedeutet, den Mitarbeitenden zu „dienen“ und Entscheidungen gemeinsam im Team zu treffen, ohne die Führungsverantwortung vollständig abzugeben.

Vorteile für Teams

Teams, die von Servant Leadern geführt werden, sind häufig motivierter, übernehmen mehr Verantwortung und erzielen bessere Ergebnisse. Mehr Motivation führt zu höherer Effizienz, gesteigerter Produktivität und letztlich zu qualitativ besseren Resultaten. Ein attraktives, wertschätzendes Arbeitsumfeld erhöht zudem die Chancen, besondere Talente zu gewinnen. Dieser Ansatz ist besonders gut für agile Arbeitsumfelder geeignet, da selbstorganisierte Mitarbeitende flexibler auf neue Herausforderungen reagieren können. Ein klassischer Führungsstil kann hier Innovationen eher behindern, insbesondere vor dem Hintergrund der Digitalisierung und der damit verbundenen Komplexität. Selbstbestimmte und vertrauensvoll geführte Mitarbeitende arbeiten gewissenhafter, kreativer und effizienter. Sie identifizieren sich stärker mit der Führungskraft und folgen ihr aus Überzeugung und im Glauben an eine Vision. Darüber hinaus eignet sich dieser Führungsstil gut für das Management verschiedener Generationen, da er unterschiedlichen Werten und Bedürfnissen gerecht wird und durch Wertschätzung einen unmittelbaren Gewinn für das Unternehmen erzeugt.

Grenzen und Anforderungen von Servant Leadership

In Krisensituationen sind klare Ansagen und schnelle Entscheidungen erforderlich. Daher ist Servant Leadership kein Allheilmittel und Projektmanager müssen situativ zwischen coachendem und direktivem Verhalten wechseln. Dieser Ansatz erfordert ein hohes Maß an Offenheit und Flexibilität. Mitarbeitende und Führungskräfte, die autoritäre und klar strukturierte Prozesse bevorzugen, könnten diesen Stil möglicherweise nicht akzeptieren, was seine Umsetzung erschweren würde. Durch die geringere Fokussierung auf exakte Aufgabenverteilung und Kontrolle kann es zudem zu einem Kontrollverlust kommen, sodass Fehler möglicherweise erst spät sichtbar werden. Mitarbeitende, die stark an autoritäre Führung gewöhnt sind, können beim Wechsel zu einem Servant Leader überfordert sein, da sie lernen müssen, eigenständiger zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Für die Führungskraft bedeutet dieser Stil eine große Herausforderung, da der Verzicht auf Machtposition und Kontrolle ein hohes Maß an Bescheidenheit und Hingabe voraussetzt, ohne dass die Führungsrolle vollständig aufgegeben wird. Ein Servant Leader muss weiterhin Richtung vorgeben, Visionen schaffen und verantwortungsvoll steuern, auch wenn er seine Macht zugunsten des Teams teilt.

Fazit

Für die Servant Leadership wurden bereits erste Modelle entwickelt, die sich auch empirischen Überprüfungen stellen können, vor allem im Dienstleistungsbereich. Hier können Führungskräfte mit ihrem Verhalten gegenüber den Mitarbeitenden als Rollenmodell für das Verhalten der Mitarbeitenden gegenüber den Kunden dienen. Servant Leadership bedeutet demnach, die eigene Macht bewusst zugunsten des Teams einzusetzen, Vertrauen zu fördern und Entwicklung zu ermöglichen, um somit wirksam zu führen.

Servant Leadership  - Das Logo der IAPM.
Autor: IAPM intern
Schlagworte: Projektmanagement, Leadership

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