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IAPM Facebook-Adventskrimi - Komplett zum Nachlesen

IAPM Facebook-Adventskrimi - Komplett zum Nachlesen 30.01.2013 - ADVENTSKALENDER-KRIMI, 1. TÜR.
Ich wünsche einen coolen Tag! Super, dass Sie sich den vielen anderen angeschlossen haben, die wie Sie grade ein Türchen meines Adventskalender-Krimis öffnen. Meine Freunde sagen Easy-Buddha zu mir. Als meine Facebook-Freunde dürfen Sie das die nächsten 24 Tage natürlich auch!
Und jetzt geht‘s los mit meiner Geschichte von Mord und Totschlag.
Easy-Buddha sitzt am Samstag natürlich wo? Im Büro! Ein Leben für die Firma. Mein Brötchengeber macht in Projekten. Viel mit Asien und so. Große Projekte. Wichtige Projekte. Innovative Projekte. Das heißt auf Deutsch: Bis Weihnachten sind alle Wochenenden gestrichen. Ich manage die China-Schiene. Bin da auch ab und an mal vor Ort. In ein paar Tagen geht es wieder hin. Nach Jinan.
Wir sind drei hier in unserem Bunker. So heißt unser mit Hochstamm-Pinnwänden eingezäuntes Arbeitsgehege. Liegt ganz hinten im Eck des 30-Leute-Großraumbüros. Etwas düster vielleicht. Dafür sitzt Easy-Buddha aber gleich neben der Kaffeeküche.
Aus der schlüpft gerade meine Kollegin Gisella. Ja, mit zwei L. Unsere Hübsche. Dieser Duft! Ah, das betört mich. Und deshalb schiebe ich ihr meinen Rollcontainer in den Weg und sage mit extra viel Feng-Shui in der Stimme: „Na, hast du deinem Kollegen auch ein Tässchen mitgebracht?“
„Nee. Aber du kannst schon mal den Kaffee fürs Meeting nachher kochen.“
„Ich!“ Easy-Buddha hat‘s nicht leicht. „Wer wird aus unserem Becherchen trinken? Wer kommt denn zu uns? Etwa der Herr, für den in wenigen Stunden nichts mehr so sein wird wie bisher?“
Gisella setzt einen Blick auf, für den sie einen Waffenschein besitzen müsste. „Dir ist doch hoffentlich klar, dass das eine ganz harte Nummer wird, die wir da gleich mit ihm abziehen werden.“


ADVENTSKALENDER-KRIMI, 2. TÜR.
Was bisher geschah: Harter Berufsalltag. Wochenendzwangsdienst. Ein – ich formuliere es mal so – schwieriges Meeting mit Tanju Meier, einem Kunden. Das war gestern. Jetzt ist Sonntag. Und es ist offenbar tatsächlich so gekommen, wie wir es vorausgeahnt haben. Gisella lehnt stocksteif an meinem Schreibtisch. Zu einer Säule erstarrt. Ich habe fast einen Krampf im Arm. Der Telefonhörer liegt wieder da, wo er hingehört. Ich suche nach der richtigen Lautstärke. Denn was ich jetzt sagen will, soll nichts Schlimmes bei Gisella anrichten. „Seine Firma wird zur Polizei gehen. Weil Tanju Meier seit dem Meeting mit uns spurlos verschwunden ist. Aber du hast ja selbst alles mit angehört.“
Gisella bleibt eine aus Granit fein herausgearbeitete Statue. Oder aus Marmor? So bleich, wie sie ist.
„Du, aber das hat doch überhaupt nichts zu bedeuten. Für uns.“
Auch in seiner dritten Wiederholung haben diese mit extra viel Feng-Shui in der Stimme ausgesprochenen Worte nicht die erhoffte Wirkung. Oder doch? Jetzt verändern sich Gisellas Lippen. Bekommen Spannung. Ihre Zahnkronen werden sichtbar. Strahlendes Weiß. Guter Zahnarzt, denke ich mir. Unbewusst. Easy-Buddhas Gedanken lassen sich nicht so einfach im Zaum halten. Giselas Emotionen auch nicht. Eine Schockwelle trifft meine Trommelfelle.
„Bei denen geht es jetzt um die Existenz. Die haben wir denen versaut. Insolvent. Ofen aus.“
Ja, was wir gestern mit Tanju Meier von The China Senior Networks zu besprechen hatten, war für sein Unternehmen eine Katastrophe. „Wir wissen doch alle drei, dass das für meine Firma das Todesurteil bedeutet.“ Nach diesen Worten war er einfach aufgestanden. Wir dachten, er geht auf Toilette. Weil er doch alles auf dem Tisch liegen ließ. War nicht so. War das letzte Mal, dass ihn jemand gesehen hat. Seither: Keinerlei Lebenszeichen.


ADVENTSKALENDER-KRIMI, 3. TÜR.
Was bisher geschah: Unser Kunde Tanju Meier ist spurlos verschwunden, seit wir mit ihm am Samstag die Katastrophe besprochen haben. Im Moment fahndet Kommissar Pfeiffer hier bei uns im Büro. Mittlerweile nehmen sie die Vermisstenanzeige also doch ernst. Unser Team hat sich bisher mit diesem verheerenden Unfall auf der Autobahn getröstet. Kollegin Gisella hat ihn recherchiert. Genau zwischen uns und seinem Zielort: 16 Autos ineinander gekracht. Genau zur richtigen Zeit. Dicker Nebel. Da genügt ein Idiot von Raser. PS-Fetischist. Und alles ist aus.
„Das also ist ihr Verdacht“, kommentiert Kommissar Pfeiffer Gisellas Frage, ob Tanju Meier nicht in irgend einem Krankenhaus liegen könnte. Im Koma. „Werde dem nachgehen. Wäre schließlich eine Erklärung.“ Kommissar Pfeiffer tippt auf seinem Smartphone herum.
„Es gab bei dem Unfall auch Tote“, werfe ich ein, Feng-Shui in der Stimme, damit Gisella ruhig bleibt.
„Moment.“ Pfeiffer unterbricht mich. Er spricht in sein Smartphone. „Hallo. Ja, noch bei denen. Du, es gab da einen Massenunfall, hab ihr das schon geprüft? Drei Tote. Vier noch im Koma. Aha, in ‘ner Stunde habt ihr die Namen. Bitte mir durchgeben. Vielleicht ist er ja tatsächlich dabei.“
Gisela nickt, während er sein Smartphone in seine Jackentasche zurückpackt. „Könnte doch sein“, sagt sie. Aber Pfeiffer scheint in eine ganz andere Richtung zu denken. „Was war das für ein Projekt, das sie ihm versaut haben? Wie viele Millionen haben sie da vernichtet?“
Easy-Buddha hasst es, wenn er der Boxer sein soll, der in der Ringecke steht und nicht mehr rauskommt. „Ich ...“, sage ich. Mehr fällt mir einfach nicht ein.


ADVENTSKALENDER-KRIMI, 4. TÜR.
Was bisher geschah: Unser Kunde Tanju Meier ist spurlos verschwunden, die Kripo ermittelt in alle Richtungen, wie Kommissar Pfeiffer gestern betont hat. Der wohlbeleibte Beamte ist heute schon wieder bei uns im Büro. „Nein, es gibt nichts Neues“, hat er beim Eintreten gerufen.
Pfeiffer steuert schnurstracks zum freien Schreibtisch von Kollege Ralph, als wäre er schon immer einer von uns gewesen. Er setzt sich und schaltet den PC ein, dessen Monitor ringsum mit Post-it-Zetteln beklebt ist. Er weiß, dass das Log-in auf der Unterseite des Mousepads steht. Ralph ist letzte Woche in sein Sabbatjahr aufgebrochen. Er wird ein Jahr durch buddhistische Klöster tingeln. Auf der Suche nach dem Nirvana. Gut so. Seit er weg ist, gibt es hier keinen mehr, der ständig zum Chef rennt und petzt. Beide, munkelt man, waren mit 20 in Japan in einem Zen-Kloster. Ist unser Chef in Urlaub, munkelt man, füttert Ralph seine Koj-Karpfen. Ein „Ähm“ reißt mich aus den Gedanken. Es kommt von Pfeiffer, der dem PC beim Hochfahren zusieht. „Kaffee hätt ich gern“, sagt das Männlein. Pfeiffer ist gerade mal so einssechzig. Im Sitzen also klein wie ein Zehnjähriger. Darf der schon Kaffee …?, fragt mein Unterbewusstsein. Pfeiffer sieht zu mir hoch. „Und ich brauch jemanden, der mir zeigt, was bei Ihnen auf welchem Server abgelegt wird“, sagt er und winkt mich zu sich an den Schreibtisch. Was er am PC sehen wird? Ich könnte es ihm schon sagen. Da liegen die Beweise, dass es Ralph war, der unserem Kunden Tanju Meier das China-Geschäft versaut hat. Was für ein Glück, dass Ralph in Nepal kein Handy dabei hat, denke ich mir. Er kann zu den Vorwürfen quasi nur schweigen.


ADVENTSKALENDER-KRIMI, 5. TÜR.
Was bisher geschah: Weil ein Kunde spurlos verschwunden ist, hat Kommissar Pfeiffer den Computer von Kollege Ralph durchsucht. Ich, Easy-Buddha, fühle mich so, wie sich eine nach der Entnahme der Schinkensemmel auf Tischtennisballgröße zusammengeknüllte Metzgereitüte fühlen muss. Seit ich vom Team-Meeting beim Chef zurück bin. Das Versagen im China-Geschäft wird die Firma über eine Million Vertragsstrafe kosten. Nie hat man ihn derart toben sehen. Er werde mit uns Flachbolzen, Schnarchzapfen und Versagern Französische Revolution machen, hat er gebrüllt. Anders formuliert: Er wird darauf bestehen, dass Köpfe rollen. Ich zucke zusammen. Beim Gedanken an vorhin.
Aber was war das jetzt? Ein Stift hat mich an der Schulter getroffen. Tut weh. Ist von links gekommen. Da sitzt Gisella. „Hey, dein Telefon klingelt,“ sagt sie.
Pfeiffer ist dran. „Was ist da schief gelaufen mit China?“, fragt seine Stimme. „Das ist ja eine Katastrophe kriminellen Ausmaßes.“
Ich versuche, es ihm ohne Verwendung von Fachvokabular zu erklären. Sonst versteht er es nicht. „Na ja, Ralph muss sich wohl vertippt haben. Statt 1.000 Geh-Hilfen hat unser Partner 1.000 Gehilfen nach Jinan geliefert. Vor fünf Tagen sind sie dort angekommen.“
„Wie konnte eine so gravierende Verwechslung unentdeckt bleiben?“
„Unser Partner ist ein Mischkonzern. Deshalb. Die machen im Prinzip alles. Auch die Vermittlung von Zeitarbeitern.“


ADVENTSKALENDER-KRIMI, 6. TÜR.
Was bisher geschah. Kommissar Pfeiffer scheint den Verdacht zu hegen, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Verschwinden unseres Kunden Tanju Meier und einem H gibt, um das sich Kollege Ralph vertippt hat. Ralph macht gerade Sabbatjahr und ist telefonisch unerreichbar in Nepal und Indien unterwegs. Ich bin quasi sein Ersatz – der Ersatz-Ansprechpartner für Pfeiffer, der mir am großen Besprechungstisch gegenüber sitzt. Er kann es einfach nicht glauben, was an unserem China-Projekt falsch gelaufen ist. „Darf ich sie Easy-Buddha nennen“, fragt er mich und lächelt, als wolle er ein Spiegelbild meines Namens abgeben.
„Freunde?“, will ich wissen. „Erzählen sie lieber!“
Ich fasse also nochmal alles für ihn zusammen. „Ralph muss sich wohl beim Zentralformular für die Auftragsvergabe vertippt haben. Ein H zuwenig kann einen spürbaren Unterschied machen. Statt 1.000 Geh-Hilfen hat unser Partner 1.000 Gehilfen nach Jinan geliefert. Vor fünf Tagen sind sie dort angekommen.“ Ich schenke mir einen Kaffee ein.
„Wer kümmert sich jetzt darum, dass die Gehilfen wieder nach Deutschland zurückkommen?“
„Kann ich nicht sagen. Wir jedenfalls sind für Reklamationen nicht zuständig. Unsere Abteilung kann und darf da nicht tätig werden.“
„Um was geht es in dem Projekt eigentlich?“
„Wir bauen in China die erste seniorengerechte Textilfabrik der Welt. Dort werden erstmals Menschen eine Chance bekommen, bei denen die Rente zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel ist.“
„Aha“ kommt es aus Pfeiffer heraus. „Ein Tippfehler kann also tatsächlich Leben kosten!“ Ich weiß natürlich sofort, worauf er anspielt. Das war bei Facebook – der Unterschied, den es macht, wenn man in folgendem Satz das Komma weglässt: „Wir essen jetzt, Opa.“


ADVENTSKALENDER-KRIMI, 7. TÜR.
Was bisher geschah: Wegen eines Tippfehlers – aus Gehhilfe wurde Gehilfe – ist der Kunde und Leiter des China-Geschäfts, Tanju Meier, spurlos verschwunden. „Mittlerweile wurde alles überprüft, was nur überprüfbar ist“, erklärt mir Kommissar Pfeiffer. Ich zeige ihm gerade unsere Kaffeeküche und wie unser Alukapsel-Anti-Umweltschutz-Apparat funktioniert, wo die Kapseln sind und so weiter. „Nie so guten Kaffee bekommen wie bei euch.“ Pfeiffer lächelt. Ich denke: Sind wir also beim „du“ angekommen und kontere: „Nie so viel Müll produziert.“ „Ja, ja“, kommt es retour, „der Herr gibt’s, der Recyclingbetrieb nimmt‘s zurück.“ Pfeiffer hat versprochen, mich in der Causa Meier – so nennt er den Fall – auf dem Laufenden zu halten. Und das tut er jetzt auch. Es gab keine Telefonate von Meiers Handy. Keine seiner Kreditkarten wurde benutzt. In den Unfall war er auch nicht verwickelt. „Nach dem Stand der Ermittlung seid ihr die letzten, die ihn gesehen haben.“ Pfeiffer heftet mir seinen Blick ins Gesicht. Er benutzt seine Augen, als wären sie eine Bohrmaschine. Ganz hohe Drehzahl. Ich bleibe cool. Bin ganz aus Beton. So, wie man das im Fernsehen tausende Male gesehen hat. Ich hebe die Hand, ganz langsam, zeige auf die dritte Türe des Hängeschranks. Meine Zunge gehorcht mir. Ich sage: „Zucker ist da drin.“ Er greift nach der Tasse. Er stellt sie unter die Schranktür. Er legt die Hand auf den Türgriff. Er zieht. Er hat ihn geöffnet. Seine Augen finden die Zuckertüte. Seine Hand hebt sie hoch. Tropfen fallen vom Tütenboden. Es wird rot. Wo die Tüte gestanden war ... dort sammelt sich Blut ... zu einer bescheidenen Pfütze. Es rinnt ... herunter. Es ploppt in seinen Kaffee.
Pfeiffer sieht mich mit Schlagbohrer-Drehzahl an. „Na, ist das von Ralph“, fragt er, „oder von Meier?“


ADVENTSKALENDER-KRIMI, 8. TÜR.
Was bisher geschah: Kommissar Pfeiffer ist in der Kaffeeküche auf Blut gestoßen. Es ist ihm buchstäblich in seine Tasse getropft. Stammt es vom spurlos verschwundenen Kunden Meier oder vom verhassten Kollegen Ralph, der offiziell ein Sabbatjahr angetreten ist? Die Kaffeeküche wird gesperrt bleiben, bis diese Frage geklärt ist. Gisella hat sich für heute krank gemeldet. So blieb ihr erspart, zu erfahren, was im Lauf einer langen Nacht in der Küche zum Vorschein gekommen ist. Die rote Flüssigkeit, die ihren Weg an der Rückwand des Hängeschranks entlang genommen hatte, war wirklich kein Himbeersirup. Wer auch immer den abgeschnittenen Arm oben auf dem Hängeschrank deponiert hatte, er hatte den Fehler gemacht, ihn nicht richtig ausbluten zu lassen. „Der totale Horror“, flüstere ich ins Telefon. Gisella ist am Apparat. Als Frau ist sie natürlich neugierig.
„Schatz“, sage ich, „du kannst dir nicht vorstellen, wie die Laune vom Chef ist. Das ist das Kurioseste an diesem Tag heute. Er ist unglaublich freundlich. Er hat eine ganz andere Stimme als sonst. Wie eingeschüchtert. Ich glaube, sie haben ihn im Verdacht. Wie findest du das?“
„Und was sagt Pfeiffer?“, will Gisella wissen.
„Er glaubt, dass der Täter wollte, dass der Arm schnell entdeckt wird. Aber eigentlich tappt er im Dunkeln. Er sagt, dass das alles keinen Sinn ergibt. Du, er kommt. Ich muss Schluss machen.“
Pfeiffer, der sich von der Kaffeeküche her nähert, sieht eingefallen und um zehn Zentimeter kleiner als sonst aus. Ähnelt im Sitzen jetzt einem Neunjährigen. Erpressung? Es gibt keine Lösegeldforderung. Auch hätte hierfür ein Finger genügt. Was sonst könnte das Motiv sein? Wozu einem Menschen den rechten Arm abnehmen? Warum ihn hierher zu uns ins Büro bringen?


ADVENTSKALENDER-KRIMI, 9. TÜR.
Was bisher geschah: Bei uns im Büro wurde ein abgeschnittener Arm gefunden. Vom wem er stammt? Kommissar Pfeiffer tappt ziemlich im Dunkeln. Zwei Personen, sagt er, kommen für ihn in Frage: Unser seit gut einer Woche verschwundene Kunde Tanju Meier und unser Kollege Ralph, der gerade Klöster in Nepal bereist. Beim Staatsanwalt hat Pfeiffer heute Vormittag einen internationalen Haftbefehl für Ralph beantragt. Auch wegen dem Druck unserer Unternehmensleitung.
„Es scheint, als wolle dein Chef da Gerüchte ausräumen. Wurde dein Kollege wirklich von ihm in einer ganz speziellen Form protegiert? Der Betriebsrat hat mir da interessante Dinge erzählt. Kollegen ausspionieren. Das sind ja ganz feine Sitten hier.“ Pfeiffer setzt eine Cola-Flasche an den Mund, nippt ein Schlückchen. Irgendetwas an ihm ist anders als sonst. Aber ich komme nicht drauf. Die Körperhaltung ist ganz wie immer. Wie er da neben mir steht. „Getränk gewechselt“, pfloppt es mir aus meinem Unterbewussten herauf auf die Zunge.
Mir ist jetzt klar, was mich irritiert. Er hat zum ersten Mal keinen Kaffee in der Hand.
„Wundert es dich?“ Pfeiffer stellt die Flasche auf meinen Schreibtisch. Ich grinse ihn an. Ich schüttle den Kopf. „Aha“, macht Pfeiffer. „Gestern Beobachtungslücken gehabt? Zu nervös gewesen? Zu unkonzentriert? Sag, Easy-Buddha: Was habe ich gestern getrunken?“ Pfeiffers Körper wächst in diesen Sekunden auf die Größe von einem Zwölfjährigen. Einem hoch aufgeschossenen Zwölfjährigen. „Lass dir Folgendes sagen: Genau diese Beobachtungslücke würde exakt zum Profil unseres Täters passen. Sie könnte ihn glatt verraten. Wie erklärst du mir das?“


ADVENTSKALENDER-KRIMI, 10. TÜR.
Was bisher geschah: Bevor er gegangen ist, hat mir Kommissar Pfeiffer gestern erzählt, dass sie sich von beiden, Tanju Meier und Ralph, Material für eine DNA-Analyse besorgt haben. Aber ihr Labor ist derart überlastet, dass es kriminell ist. Pfeiffer kann also erst im neuen Jahr mit Sicherheit sagen, ob der abgeschnittene Arm aus dem Hängeschrank zu einem der beiden Vermissten gehört.
„Wie ist die Kripo zu dem Vergleichsmaterial gekommen?“, fragt Gisella. Sie sieht gut aus. Wie immer. Und das liegt nicht am feierlich-freundlichen Spiel von tausend farbigen Lichtern. Ich bin in die Stadt gefahren, um mir noch ein paar Sachen für die China-Dienstreise zu besorgen. Hier am Weihnachtsmarkt dann wie zufällig: Meine krank geschriebene Lieblingskollegin.
Weihnachtsmusik legt einen flauschig warmen Geräuschteppich unter unser Gespräch. Die Luft hier ist wie betrunken – sie strömt nicht, sie torkelt beim Einatmen in die Lunge. Wir haben uns unter eine Gruppe fremdländischer Touristen gemischt – weit gereiste Erforscher des Mysteriums von German Christmas. Als „Stille Nacht“ kommt, summen sie alle auf Englisch mit.
„Du“, setze ich an, um endlich ihre Frage zu beantworten. „Tanju hat doch Familie. Seine Frau wird ihnen eine Zahnbürste oder so gegeben haben. Und bei Ralph? Egal! Er ist ja für lange unerreichbar weit fort.“ Gisella lächelt verhalten. Wir prosten uns mit den Glühweinen zu. „Easy-Buddha, bleib vorsichtig“, sagt sie. „Du aber auch.“ Ich lächle zurück. Die Touristen – Amerikaner, vermute ich – bilden eine so dichte Wand um uns, dass wir es jetzt doch wagen. Wir nehmen uns in die Arme. Ich lege ihr dort eine Hand auf den Mantel, wo unter Bergen von Stoff ihr Hintern sein müsste.


ADVENTSKALENDER-KRIMI, 11. TÜR.
Was bisher geschah: „Wie geht es denn dem Chef?“, hat mich Gisella gestern auf dem Weihnachtsmarkt gefragt, bevor wir nach drei Glühweinen jeder in seine Richtung geschwankt sind. Ich fand ihre Frage übertrieben. Schlecht, wie soll es ihm sonst gehen. Wenn so schlimme Dinge passieren wie bei uns im Büro. Und als Chef, da bist du halt die Person, die den Aktionären erklärt, wie der elektrische Stuhl funktioniert, auf den du dich selber gesetzt hast. Wie weit sie den Regler hochdrehen müssen, bis es dir weh tut, und wie viel Volt sie brauchen, um ein Mitglied der Führungsetage abzunippeln. Der Chef findet es übrigens rührend, dass sich Gisella Sorgen macht. „Sie hat schon immer viel Herz gezeigt, die Kollegen“, konstatiert er. Sachlich wie immer. Auf Korrektheit bemüht. Vor ihm ein Stapel Papiere. Alles Dossiers zu China-Projekten. „Aber eigentlich“, wechselt er seinen Tonfall, „sind sie ja in mein Office gekommen, um mit mir die Geschäftsreise durchzusprechen ...“
Ich nicke höflich. Versuche, seinen unvollendet gelassenen Satz in seinem Sinn zu vollenden. Ich sage vorauseilend: „... und jetzt reden wir pausenlos über das Schicksal von 1.000 Hilfsarbeitern und den Haftbefehl gegen Ralph, der ihnen so gern die Koj-Karpfen gefüttert ...“
Er fällt mir ins Wort. In einer Lautstärke, dass man es drüben im Sekretariat ganz sicher hören kann. „Wo ist da die betriebliche Effizienz!“
Mich durchfährt es. Vom Bauch aus bis zu den Zehen, Fingerspitzen und Haarwurzeln. Das ganz große Frösteln. Dann folge ich seiner fordernden Geste. Jetzt grinse auch ich. „Tja“, schnarrt seine Stimme. Der Chef hat sich wieder im Griff. „Ihr Kollege Ralph wollte ja rüber nach Tibet. Falls ihm das mittlerweile gelungen ist, wird es Wochen, wenn nicht Monate brauchen, bis er wenigstens telefonisch befragbar ist.“


ADVENTSKALENDER-KRIMI, 12. TÜR.
Was bisher geschah: Die Personalabteilung hat mein Team heute morgen per E-Mail informiert, dass Kollegin Gisella bis Mitte Januar krank geschrieben ist. Sie hat das wohl alles nicht gut verkraftet: Unser Kunde Tanju Meier ist spurlos verschwunden, seine Firma wegen eines Tippfehlers pleite, den mein Kollege Ralph verbockt hat. Statt 1.000 Gehhilfen hat er 1.000 Gehilfen nach China geschickt. Ralph ist im Land des Buddha unterwegs und auf Monate nicht erreichbar. Und dann auch noch der abgeschnittene Arm, den sie bei uns im Büro gefunden haben. Frauen reagieren auf so etwas ja bisweilen ziemlich sensibel. Das liegt an der Steinzeit. Die hat ihnen eine niedrige Toleranzgrenze in die Gene programmiert. Klar, schließlich durften keine mit Blut benetzten und dadurch mit Keimen verseuchte Beeren und Pilze im Sammelkorb landen. Wir Männer sind da viel cooler. So cool, dass die Wissenschaft ruhig von folgender Hypothese ausgehen sollte: Auf ehrlichem Weg konnte der Steinzeitmann seine Sippe nicht satt bekommen. Denn die Steinzeit-Jagd war ja bekanntlich ziemlich gefährlich. Folglich hat er dem Mammutfleisch die Schinken und Bauchlappen seiner toten Kumpane untergemischt. Das hat unseren XY-Genpool geprägt.
Weil ich im Büro Gisellas direkter Nachbar bin, will ich mich natürlich ein wenig um sie kümmern. Schließlich habe ich, Easy-Buddha, auch meine weiche Seite. Ich kann Mitgefühl zeigen. Aber ich kann auch Folgendes tun: den Telefonhörer gleich wieder auflegen und in die Kaffeeküche rufen: „Wieder vergeblich!“ Sie wurde heute freigegeben. Die Kaffeeküche, in der sich die beiden Neulinge vom Malaysia-Team einen Instant-Pappbecher-Suppentopf aufbrühen. Gisellas Handy hingegen ist nach wie vor ausgeschaltet. Und am Festnetz geht sie nicht ran. Sie wird halt unterwegs sein, denke ich mir. Und dass ich es in einer Stunde wieder versuchen werde.


ADVENTSKALENDER-KRIMI, 13. TÜR.
Was bisher geschah: Die Polizei hat ganz offensichtlich noch immer keine Idee, wo sie wegen unseres verschwundenen Kunden Tanju Meier ansetzen soll. Auch den abgeschnittenen Arm betreffend, den sie bei uns im Büro gefunden hat, scheint es noch keine heiße Spur zu geben. Mein Chef glaubt mittlerweile nicht mehr, dass Kommissar Pfeiffer mich zum Kreis der Verdächtigen zählt. „Er hat nichts gegen deine Dienstreise einzuwenden. Ich habe das heute Mittag extra mit ihm geklärt. Du wirst also wie besprochen nach China fliegen.“
„Hast du heraushören können ...“ Schon beim zweiten Wort erhebt sich vor mir ein Zeigefinger, unterbricht mich. Reflexartig überdenke ich, was ich eben gesagt habe. Ich nicke. In Demut. „Entschuldigung“, sage ich und spule den Satz zurück, setzte noch einmal von vorne an. „Haben SIE“, sage ich und lege eine Kunstpause ein.
„... vorhin heraushören können, was der Stand der Ermittlungen ist.“ Mein Chef lächelt mich freundlich an. „Ja, das habe ich.“ Sein Lächeln verstärkt sich. „Sie setzen momentan alles daran, Ralph aufzuspüren. Pfeiffer glaubt, dass die Geschichte mit dem Sabbatjahr und der Nepalreise nur vorgeschoben ist.“ Ich versuche, mit nicht mehr als einem kurzen Nicken zu reagieren und mir nichts weiter zu denken. Ich bin ein Guter. Ja, Easy-Buddha hat sich – zumindest bisweilen – sehr gut im Griff. Er wird keinen enttäuschen. Jetzt und auch morgen nicht.
Etwas, das wie Sprache klingt, reißt mich aus meinen Gedanken. „Na, nimm schon“, übermitteln mir meine Ohren. Der Chef hält mir eine Postkarte hin. „Heute gekommen. Aus Rom. Ohne Absender oder Unterschrift.“ Auf der Postkarte prangt der Petersdom. Mit Platz davor. Mit Obelisk. Ich drehe sie um. „Es ist sehr schön hier“, lese ich. „Wetter prima! Bin gut angekommen und alles ist herrlich.“


ADVENTSKALENDER-KRIMI, 14. TÜR.
Was bisher geschah: Die Polizei hat jetzt einen Hauptverdächtigen. Sie glaubt nicht, dass mein Kollege Ralph durch Nepal klettert, um in buddhistischen Klöstern zu meditieren. Ich erlaube mir da keine Meinung. Kommissar Pfeiffer hat mich um einen Termin gebeten. Er müsste mittlerweile bei uns im Besprechungsraum sitzen. „Da sind sie ja.“ Pfeiffers Freude, als ich den Raum betrete, klingt ehrlich.
„Ich habe uns etwas mitgebracht“, entgegne ich mit dem größten mir möglichen Ernst. Ich stelle zwei Flaschen Cola auf den Besprechungstisch. Aber Pfeiffer ist ganz offensichtlich nicht in der Stimmung für Smalltalk. Er wird sie die ganzen eineinhalb Stunden, die wir hier sitzen werden, nicht anrühren.
„Kommen wir gleich zur Sache.“ Zu meiner Überraschung will Pfeiffer gar keine Informationen zu Ralph, seinem Privatleben, seinen Hobbys und seinen ganz ganz vielen dunklen Geheimnissen. „Du fliegst übermorgen nach China?“ In seiner Stimme schwingt Neid mit. „Zurück in Deutschland bist du meines Wissens am 23sten. Gerade noch rechtzeitig, um deiner Frau und den Kindern was Hübsches unter den Baum zu legen.“ Ich nicke. Ich sage: „Richtig.“
„Aber im Büro bist du erst wieder am 14. Januar. Du musst deinen Resturlaub abfeiern.“
Worauf will Pfeiffer hinaus? Ich verstehe nicht ganz, weshalb es ihm wichtig ist, mit mir den Terminkalender der nächsten vier Wochen zu klären. Dann fragt er: „Deine Ehe ist glücklich?“ Er will die Namen meiner Kinder wissen, wie alt sie sind, welche Hobbys sie haben und welche Schule sie besuchen. „Ich schenke meinem Sohn einen Boxsack zu Weihnachten“, murmelt Pfeiffer. „Damit er seine Aggressionen abbauen kann. Wünscht er sich. Was schenkst du deinen?“ Ich improvisiere. Muss ich ja jetzt. Ich lege mir extra viel Feng-Shui in die Stimme. Ich sage: „Das ist noch offen. Ich dachte mir, ich bringe den beiden etwas aus China mit.“


ADVENTSKALENDER-KRIMI, 15. TÜR.
Was bisher geschah: Mittlerweile dürfte allen bewusst sein, dass Kommissar Pfeiffer mehr weiß, als er uns gegenüber zugibt. Über den spurlos verschwundenen Tanju Meier. Über den nicht identifizierten, abgeschnittenen Arm, den bei uns im Büro aufgetaucht ist. Und natürlich über unseren Kollegen Ralph, der nach Nepal verreist ist und den niemand erreichen kann. Das ist alles ein einziger Wahnsinn, denke ich mir.
Es ist gerade einmal später Nachmittag, und schon jetzt ist fast kein Durchkommen mehr hier am Weihnachtsmarkt. Pfeiffer tappt doch völlig im Dunkeln, denke ich mir und behalte die beiden Jungs am Stand gegenüber im Blick. Wie sie an ihrem Vater herumzupfen. Wie sie alle Schubladen kindlicher Schauspielkunst aufziehen, um ihm schokolierte Früchte aus dem Geldbeutel zu leiern. Pfeiffer, keine Ahnung hast du, murmele ich in die Tasse vor mir, die schon wieder halb leer ist. „Bitte, bitte, bitte, Papa“, kreischt es in vorpubertären Obertönen herüber. Stimmchen mit der Penetranz zweier Kreissägen. Sie durchschneiden, was von der Blaskapelle herüberweht. I wish you a merry Christmas. Die Jungs sind genauso alt wie die Meinen, denke ich mir. Die beiden, denen der schokolierte Apfel noch immer verweigert wird. Verweigern, denke ich mir, das ist das richtige Stichwort. Pfeiffer, du hast mir den wahren Stand deines Wissens verweigert. Ein Spielchen getrieben hast du mit mir.
Die Obertöne werden die beiden Jungs ihrem Ziel deutlich näherbringen. Die sind genau wie die Meinen, murmele ich. In meine halbleere Tasse hinein. In der es jetzt Plopp macht. Weine ich? Ich doch nicht, murmele ich und richte meinen Blick zurück auf die Vater-und-Kind-Gruppe. Morgen, denke ich, und angle mir ein Taschentuch aus dem Mantel. Die beiden Jungs halten ihre schokolierten Äpfel hoch wie der König sein Zepter. Für alle sichtbare Zeichen. Morgen, denke ich nochmals und weiß, dass ich bis dahin noch sehr viele Glühweine trinken werde.


ADVENTSKALENDER-KRIMI, 16. TÜR.
Was bisher geschah: Ich, Easy-Buddha, hätte heute früh nicht sagen können, wie ich am Vorabend nach Hause gekommen bin. Auch der Weg zum Bahnhof, gegen Mittag, ist im Kopf ganz verschwommen. Mit Glühwein hatte ich versucht, das ganze Zeug bei uns im Büro wegzuspülen, das zu einer internationalen Fahndung nach Ralph geführt hat. Selbst an den Abschied von meiner Frau und den Kindern: keine Erinnerung. Der Restalkohol, er hat seine Wirkung gezeigt. Ich schaue aus dem Zugfenster. Da draußen ist längst alles dunkel. Die Landschaft, ein riesiges schwarzes Loch. Saugt sie mich ein? Mir wird schwindlig bei dem Gedanken, dass es leicht hätte passieren können, dass er verhindert hätte, dass ich meine Verbindung erwische. Der Restalkohol. Ich lasse mir von meinem Smartphone die Uhrzeit anzeigen. Gut 20 Minuten Fahrzeit sind es jetzt noch bis München. Dort muss ich umsteigen. Und dann einchecken. Ich öffne meinen Mail-Eingang. Eine neue Nachricht ist da. Der Chef wünscht mir eine gute Reise. Das ist ja lieb! Seine Mail endet mit einem Link. Der führt zu einem Zeitungsartikel. Filmset dreht mit echter Leiche, lautet die Überschrift. Im Artikel steht, dass der Regisseur einen echten Toten beschafft hat, damit alles ganz realistisch aussieht. In der letzten Szene wurde der Körper zerstückelt. Mit Ausnahme des rechten Arms konnte die Polizei alle Teile vollständig sicherstellen.
Ich lege das Smartphone vor mich auf den Tisch und lese wieder und wieder. Ich bin jetzt hellwach. Dass wir München erreichen, bekomme ich trotzdem erst mit, als die Mitreisenden ihre Koffer längst vor zur Türe geschafft haben. Es wird hektisch für mich beim Aussteigen. Ich fluche. Auch, weil die Zeit zum Umsteigen knapp kalkuliert ist. Als ich auf dem richtigen Gleis bin, frage ich mich, ob ich denn mein Handy wieder eingesteckt habe. Ich suche meinen Mantel ab. Mehrmals. Ich finde es nicht. Ich schaue, ob der Zug noch an seinem Gleis steht. Vergeblich.


ADVENTSKALENDER-KRIMI, 17. TÜR.
Was bisher geschah: So unglaublich es klingt, aber der abgeschnittene Arm, der bei uns im Büro gefunden wurde, stammt von einer Filmleiche. Einer echten. Ich, Easy-Buddha, brenne vor Neugierde. Aber ich werde keine neuen Informationen bekommen. Weder von Kommissar Pfeiffer. Noch von meinem Chef. Denn ich habe mein Smartphone gestern Abend im Zug liegen lassen. Es war eingeschaltet. Der Akku fast voll. Der Finder wird also kein Problem haben, es meiner Frau per Post zuzuschicken.
Aus diesem Grund muss ich einen Mitreisenden fragen, wenn ich wissen will, wie spät es jetzt ist. Wir sind zwei, die nicht schlafen können. „Haben sie auch einen Schnarcher in ihrem Abteil“, fragt er mich. Er ist ein Schwarzer. Der Zoll hat ihn in München nach allen Regeln der Kunst kontrolliert. Von mir, der daneben stand, wollten sie nicht mal die Papiere sehen.
Er fragt, was ich in Rom machen werde, und gibt die Zeit mit halb sechs an. Der Schlafwagenschaffner steckt den Kopf aus seinem Abteil. „Der Kaffee“, sagt er, „wäre jetzt fertig.“ Das gleichförmige Ruckeln des Waggons beruhigt mich. Der Schwarze erzählt mir von sich und von der Hochzeit seiner Schwester, wegen der er nach Rom fährt. Wir erleben gemeinsam, wie die Sonne ganz langsam Italiens Landschaft aus dem Dunklen herausarbeitet, ihr immer mehr Kontur, Tiefe und Farbe gibt. Wir staunen über mittelalterlich wirkende Dörfer und Städtchen, die auf Bergvorsprünge geklebt sind. Wir unterhalten uns über dies und das und schließlich auch über bevorzugte Urlaubsländer und Weihnachtsbräuche in Afrika. Es ist schon halb elf, als unser Zug in Roma Termini einfährt ...


ADVENTSKALENDER-KRIMI, 18. TÜR.
Was bisher geschah. In der Firma glauben sie alle, dass ich gestern in Peking gelandet bin und heute weiterreise zu unserem Kunden. Ich lächle bei diesem Gedanken. Ich stelle mir ein Kind vor, dass wissen will, wie es denn aussieht, wenn man mit geringsten Mitteln ganz viel erreicht. Und dazu einen Ameisenhaufen. Und einen Stock, den das Kind in den Haufen hineinbohrt. Ungefähr so wird es heute bei uns im Büro sein. Nach dem Zeitungsbericht über die zerstückelte Leiche vom Filmdreh müsste Pfeiffer längst angerückt sein. Jedes noch so kleine Hydrokultur-Steinchen wird er zweimal umdrehen. Wie ein Archäologe. Geschichtsbuddler. Über deren Berufsbild ich jetzt sagen kann, dass ihnen Rom noch für hunderte Jahre Lohn und Brot geben wird. Irgendwelche Ruinen und Reste, Paläste und Kirchen gibt es hier alle paar Meter. Jeder Reiseführer würde mir zustimmen, dass die Straße, die ich gerade entlang flaniere, zu den echten Geheimtipps gehört. Via Giulia. Ehemals prächtige Hauptstraße. Ich gehe sie ab auf der Suche nach diesem kleinen heimeligen Café, in dem ich schon gestern gewesen bin. Unheimlich nette Betreiber. Nur Einheimische. Keine Touristenpreise. Gefällt mir. Etwas für Insider. Da: Ich erkenne vorne die Ecke, an der ich links abbiegen muss. Ich gehe ein wenig schneller. Ich stoße auf einen kleinen Platz. Die Perspektive weitet sich. Da ist es! Ich betrete den winzigen Gastraum. Ich stehe inmitten eifrig plappernder, großartig gestikulierender Italienern. Ich versuche, mir einen Überblick zu verschaffen. Ich blicke nach links, sehe aber nur eine Wand aus drei Männern. Ich höre ein: „Hey, Easy-Buddha.“ Woher kommt es? Dieselbe Stimme schwaddroniert jetzt auf Italienisch. Die Wand der Männer gibt eine Blickgasse frei. Ich kann es kaum glauben, wer da hinten am Tischchen sitzt.


ADVENTSKALENDER-KRIMI, 19. TÜR.
Was bisher geschah: Es gibt Zufälle, die sind so groß, dass sie nur geplant sein können. Als ich gestern auf meinem Spaziergang durch Rom ein Café betrat, traf ich dort meine Kollegin Gisella. Erst hatte ich ja geglaubt, unser Wiedersehen würde sich einen weiteren Tag verzögern. Aber dann hatten die Italiener eine Blickgasse auf ein niedriges Tischchen im Eck freigegeben, an dem sie auf mich gewartet hatte. Ein Stein vom Gewicht des Obelisken, den Papst Sixtus V. vor dem Petersdom hatte aufstellen lassen, fiel mir von der Seele. Es dauerte ein wenig, bis sich mein Zittern gelegt hatte. Erst dann konnten wir uns in den Arm nehmen, küssen, noch einmal küssen. Wieder und wieder. Die Italiener ließen sich davon nicht stören. Ich erzählte ihr von meiner Fahrt, der Mail vom Chef mit dem Zeitungsartikel und dass ich mein Smartphone im Zug hatte liegen lassen. „Natürlich vor lauter Aufregung“, witzelte ich.
„Alles ist also genau wie geplant gelaufen.“ Sie legte ein neues Handy für mich auf den Tisch.
Dann sind wir rüberspaziert in unsere erste gemeinsame Wohnung. Ein Traum von Altbau mit Dachterrasse und Panoramablick auf das Pantheon und den Petersdom. Ein Traum, der noch Tage Wochen, Jahre, Jahrzehnte anhalten wird. Wir liegen noch immer im Bett. Draußen singen die weit über hundert Kirchen der Altstadt gemeinsam ihr Mittagsgeläut. Wir haben alle Freiheit, noch einen ganzen weiteren Tag lang im Bett zu bleiben. „Das tun wir ganz sicherlich nicht“, empört sich Gisella. Aus Spaß habe ich ihr eine bestimmt sehr bildungsreiche Besichtigung der römischen Kaiserpaläste vorschlagen. Sie zieht mir die Decke über den Kopf. Sie taucht zu mir ab. Sie küsst mich. Sie fasst mich mit beiden Händen dort an, wo es am schönsten ist. Ich drücke mein kleines Nackedei auf die Seite, sie spreizt die Beine und ich schiebe mich über sie.


ADVENTSKALENDER-KRIMI, 20. TÜR.
Was bisher geschah: Wir haben unser neues Leben in Rom begonnen. Alle Achtung, was Gisella in den wenigen Tagen, die sie vor mir dort eingetroffen war, alles erledigt hat. Die traumhafte Wohnung am Campo de' Fiori, der volle Kühlschrank und das viel mildere Klima, all das hilft, dass ich nur in ganz schwachen Momenten an meine Frau und die Kinder zurückdenken muss. „Du“, sage ich, „ich glaub‘, ich bin glücklich.“ Unsere Schuhsohlen werfen Hall. Gerade so, als sollten es alle wissen, wie sehr wir uns lieben. Gisella hat sich bei mir untergehakt. Es stört sie nicht, dass die Leute kaum an uns vorbeikommen, so eng ist die Gasse, und uns böse Blicke zuwerfen. „Na“, fragt sie und küsst mich auf die Wange, „bist du schon gespannt, deinen neuen Arbeitsplatz zu besichtigen?“
„Das kannst du mir glauben“, flüstere ich.
Es ist nicht weit, ich weiß genau, wie wir gehen müssen: Vor zur Brücke, über den Tiber, zum Petersplatz hoch und dort links durch die Kolonnaden. So zwanzig Minuten. Dann stehen wir vor einem Haus, das von gusseisernen Arkaden – schlanke, verspielte Säulen mit Dach - geschützt wird. Ich sehe Gisella an, mache ein Gesicht wie ein Fragezeichen. Sie nickt. „Und, wie gefällt es dir?“, fragt sie. Ich brauche zwanzig Sekunden. Ich muss mich erst sammeln. „Ein Traum“, sage ich und zeige auf die Tür: „Es ist offen.“ Wir treten ein. Gemeinsam. Die Tür ist breit genug, dass wir gleichzeitig durchpassen. Meine Augen haben sich schnell an das matte Licht gewöhnt. Was ich sehe, gefällt mir. Alles ist frisch renoviert. Nur am Ende des riesigen Raumes wird noch geweißelt. Ein Mann ist ganz darin vertieft, seine Farbrolle auf und ab zu bewegen. Ich spreche ihn an. „Hallo Tanju“, sage ich. „Wie sieht es aus?“ Ich warte, bis er die Rolle herunternimmt und sich umgedreht hat. Tanju wischt sich Schweiß von der Stirn. „Soweit alles fertig. Alles im Plan. Die Gehilfen können kommen.“


ADVENTSKALENDER-KRIMI, 21. TÜR.
Was bisher geschah: Gisella, Tanju und ich hatten allen Grund, bis tief in die Nacht unser Wiedersehen zu feiern. Die Trattoria ausgesucht hatte Gisella. Natürlich. Um eins zum Aufbruch gedrängt hatte Tanju. Natürlich. Schließlich musste er als erster wieder auf den Beinen sein.
Gisella und meine Anwesenheit waren erst um zehn vonnöten. Trotzdem waren wir schon eine halbe Stunde früher an unserem Laden. Einfach toll mit den gusseisernen Arkaden. Riesig der Verkaufsraum. Gefällt mir! In den Augen vieler mag seine Lage ungünstig sein. Bei der großen Audienzhalle im Vatikan um die Ecke. Aber für uns ist das ideal. Busse können ihn fast direkt anfahren. Quasi ein Gottesgeschenk. Gegen 10 Uhr 30 tröpfeln immer mehr italienische Burschen ein, bedienen sich bei den Tramezzini, die Tanju für sie hat kommen lassen. Tanju hakt jeden auf einer Liste ab, teilt ihn ein. „Die sind aber knackig“, flüstert Gisella mir zu, und ich knuffe sie. Kurz vor elf sind wir vollzählig. Fast im selben Moment taucht vorn an der Ecke das Heck eines Lkw auf. Es wird größer. Es schiebt sich in Präzisionsarbeit Zentimeter um Zentimeter näher. Ein paar Burschen springen herbei und übernehmen das Einweisen. Der Lkw steht. Der Motor ist aus. Die Burschen öffnen die Tür zum Laderaum. Kartons bis an die Decke. Die Burschen stellen sich zu einem menschlichen Förderband auf. In schnellem Takt trifft Karton auf Karton innen im Laden ein. Dort kommt eine Truppe Burschen die Aufgabe nach, sie zu öffnen und ihren Inhalt zusammenzubauen.
Bis zum Abend werden drei Lkw-Fuhren entladen sein. Die Burschen werden 1.000 Kartons ausgepackt und 1.000 Gehhilfen zusammenmontiert haben.


ADVENTSKALENDER-KRIMI, 22. TÜR.
Was bisher geschah: In unserem Laden im Vatikan sind gestern 1.000 Gehhilfen geliefert worden – unversehrt und bis auf die Minute termingenau. Wir sitzen dort zu dritt in unserer Sitzecke. Wir sind baff beim Anblick des Werks der 20 flinken Gehilfen. Nach 12 Stunden war der letzte Karton entladen, ausgepackt und der letzte der Senioren-Porsches aufgebaut und auf Hochglanz poliert. Drei Tage noch, dann wollen wir eröffnen. In Deutschland wäre es schon am 24sten gewesen. Aber hier in Italien feiern sie Weihnachten einen Tag später. Tanju will mit uns die Vorbestellungen durchsehen, einen Dienstplan aufstellen und verbindliche Abläufe definieren. Alles sinnvolle Sachen. Gisella und ich sind entsprechend hoch motiviert. „Wie stark ist die Auslastung?“, fragt sie und nimmt Tanju das Blatt aus der Hand, von dem er gerade vorlesen will. „Wow“, kreischt sie. „Schatz“, kreischt sie. „Krass“, kreischt sie. „Disziplin,“ brüllt Tanju dazwischen. Und wir wissen, dass er recht hat: dass wir ihm, der alles eingefädelt hat, einfach zuhören müssen.
„Hört mir zu“, beginnt Tanju. „Also“, sagt Tanju. „Es ist so.“ Er räuspert sich. „Wir sind bis Neujahr komplett ausgebucht. An den Sonn- und Pilgertagen zudem bis weit über Ostern hinaus. Wir haben da eine echte Goldgrube aufgetan.“ Tanju hat natürlich längst durchkalkuliert, mit welchem Umsatz wir rechnen können. „Also“, setzt er an. „Es ist so.“ Tanju räuspert sich. „Die Tagesmiete für eine Gehhilfe liegt bei zwanzig Euro. Man kann sie sich aber auch nur stundenweise ausleihen. Reiseveranstalter bekommen 15 % Rabatt. Das macht übers Jahr gerechnet aufgerundet 18.590,-- € Einnahmen täglich. Und wofür? Dafür, dass wir es Senioren, die eher schlecht als recht auf den Beinen sind, möglich machen, an Pilgerfahrten zum Petersdom, an Papstaudienzen und am Besuch der Messe teilzunehmen.“


ADVENTSKALENDER-KRIMI, 23. TÜR.
Was bisher geschah: Unser Mietservice für Gehhilfen steht kurz vor seiner Eröffnung. 1.000 Rollatoren sind auf Hochglanz poliert und warten darauf, durch den Petersdom spazierengeführt zu werden. „Der Vatikan fand das von Anfang an eine gute Sache ...“
Tanju korrigiert, was ich eben behauptet habe.
Lautsprecher-Durchsagen schwirren durch die Halle. Es herrscht ein Gewusel – unglaublich! Frauen mit Koffern, so groß, dass sie sie fast nicht mehr tragen können. Dahinter ein Businessman in seiner globalen Einheitskluft, der ein Täschchen hinter sich herzieht. Dahinter sofort der Nächste. Die Maschine ist vor zwanzig Minuten gelandet. Allmählich könnte er kommen. Da aber immer noch kein Gepäck übers Fließband läuft, werden wir uns weiterhin in Geduld üben.
„Der Vatikan durfte nur nicht wissen“, greift Tanju das Gespräch wieder auf, „dass 1.000 Chinesen bis zur Begleichung des Versicherungsschadens buchstäblich ohne Gehhilfe dagestanden sind. Oder noch immer dastehen.“ Wir sind schon den ganzen Tag damit beschäftigt, unseren astreinen Coup von Anfang bis zum heutigen Tag durchzusprechen. Interessant ist, dass jeder alles ein klein wenig anders sieht. Gisella findet, dass auch das mit den 1.000 Zeitarbeitern nicht wirklich witzig ist. Zumindest für diese.
„Gönn ihnen doch den Urlaub, Schatz“, versuche ich zu beschwichtigen.
„Letztlich“, pflichtet mir Tanju bei, „haben sie von ihrem Trip nach Jinan profitiert. Bezahlen wird man sie. Zu arbeiten gab es nichts. Dass bedeutet: Freizeit, Freizeit und noch mehr Freizeit.“
„Glaubst du, dass sie mittlerweile zurück sind?“
„Eher nicht.“
Mittlerweile ist das Fließband hinter der dicken Glasscheibe gut mit Koffern gefüllt. Es geht los. Die ersten Passagiere erscheinen, orientieren sich, angeln sich ihre Gepäckstücke von der schwarzen Förderschlange. Wer spielen das Spiel: Wer ihn als erster sieht, hat gewonnen. Gisella winkt. Da ist er ja. Jetzt sind wir vollzählig.


ADVENTSKALENDER-KRIMI, 24. TÜR.
Was bisher geschah: Auch unser Chef hat es mittlerweile geschafft, zu uns zu stoßen. Hallo, war das gestern am Flughafen eine Begrüßung! Wie ein Honigkuchenpferd hat er gegrinst, als er den Zoll endlich passiert hatte mit seinem voll beladenen Kofferkuli. „Haben sie uns etwa Weihnachtsgeschenke mitgebracht?“, war meine erste Frage, und ich hätte keinem von uns vier erklären müssen, dass sie nicht ernst gemeint war. „Du! … mein Bester“, war die Antwort, die ich zu hören bekam. Wir schluckten. „Easy-Buddha, jetzt doch ‚du‘ sagen“, schob er schnell nach, „das mit ‚Sie‘ und Demut und Chef, dieser Blödsinn war gestern.“ Dann haben wir das Rat-mal-was-drin-ist-Spiel gespielt. Gisella hat ihren hübschen Finger auf Anhieb auf den Koffer gerichtet, in den er die Gans gepackt hatte. Sie schmort jetzt bei uns in der Wohnung im Ofen. Die Weinflaschen kreisen. Die Römer unten am Campo de' Fiori dürften sich einiges denken über diese vier Deutschen, die auf der Panoramaterrasse feiern und wieder und wieder Jingle Bells als Kanon zu singen versuchen, obwohl das als Kanon nicht möglich ist. Alle zehn Minuten muss einer von uns in die Küche hinübergehen, nach der Gans sehen, sie neu übergießen. Wer, das entscheidet das Los.
„Du, Chef“, sage ich, als Gisella mit der frohen Botschaft zurück ist, dass es keine halbe Stunde mehr dauert, „eines würde mich schon noch interessieren.“ Ich setze mich gerade. Meine Körpersprache sagt, dass der Spaß für mich Pause hat. „Die Sache mit dem Arm. Die war ja nicht abgesprochen. Wie kam der vom Filmset zu uns ins Büro?“
Auch der Chef setzt sich aufrecht. Alle sind urplötzlich ernst und unheimlich angespannt. „Keine Ahnung“, sagt er und zuckt mit den Schultern. „Das ist mir ein völliges Rätsel. Ich habe keine Ahnung. So wenig Ahnung wie Pfeiffer. Ein Verrückter?“
„Na dann“, pruste ich los. Wir grinsen uns an. Wir stimmen das nächste Lied an. Wir prosten uns zu. Wir wünschen uns: FRÖHLICHE WEIHNACHTEN!

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