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Von Schwabach nach Stuttgart – kleine und große Projektdesaster

Von Schwabach nach Stuttgart – kleine und große Projektdesaster 07.07.2016 - Stuttgart 21 – ein Projekt, das in den letzten Jahren neben dem Berliner Flughafen zum Synonym für ungenügendes Stakeholder-Management geworden ist, ein Schwarzes Kostenloch mit vielen Gegnern in der Bevölkerung.
Letztens hieß es zu Stuttgart 21 in den Nachrichten, dass der Tiefbahnhof eine Gleisneigung von 15 Promille aufweist – das ist sechsmal so hoch wie der eigentlich zulässige Wert (2,5 Promille). Das klingt erst einmal nach wenig, konkret bedeutet dies aber, dass der Bahnsteig dort auf 400 m Länge um etwa 6,5 Meter ansteigt, was der Höhe eines Zweifamilienhauses entspricht. 
Dieses Gefälle stellt einen absoluten Sicherheitsmangel und daraus folgend erhebliche Verletzungsgefahr vor allem für Kinder in Kinderwägen, Menschen mit Rollatoren und Rollstuhlfahrer dar. Doch auch für den Zugverkehr birgt dieses Gefälle ein erhebliches Risiko, denn eine technische Sicherung gegen das Wegrollen von Zügen ist faktisch nicht gegeben – gerade moderne Züge weisen einen geringen Rollwiderstand auf. Selbst wenn keine deutschen, sondern internationale Standards angesetzt würden, wäre die erlaubte Steigung um ein vielfaches überschritten – der Stuttgarter Tiefbahnhof gilt in dieser Beziehung als trauriger internationaler Spitzenreiter. Er ist damit weltweit der Bahnhof mit dem größten Gleisgefälle.
Und schon am Kölner Hauptbahnhof, dessen Gleisneigung deutlich geringer ist als am Stuttgarter Tiefbahnhof, kam es seit 2010 zu mehr als 20 Unfällen, bei denen auch Menschen beim Ein- und Aussteigen aus Zügen verletzt wurden. 
Die Sicherheit von Zugreisenden und Wartenden scheint nicht gewährleistet, die Züge haben keine technische Sicherung gegen das Wegrollen und benötigen deutlich längere Bremswege – wie kann so etwas passieren? Warum wurden hier eindeutige Richtlinien (EBO §7) nicht eingehalten bzw. darüber hinweggeplant? Und wie konnte dies durch das Eisenbahn-Bundesamt genehmigt werden? 
Die Deutsche Bahn, in deren Verantwortung der Bau des Stuttgart 21 liegt, antwortet bisher wenig konkret auf all diese Fragen. Aktivisten sind der Meinung, dass der Bau sofort gestoppt werden müsste.  
Durch diese Vorkommnisse zeichnet sich ein großes technisches Planungsdefizit ab – wird Stuttgart 21 zum neuen BER? Wo sind die vielen gut ausgebildeten DB-Projektmanager, die solche Missstände frühzeitig bemerken müssten? Und warum hört ihnen niemand zu? 
Doch nicht nur auf Großbaustellen lässt sich desaströse Planung erkennen, auch bei kleineren Projekten, an denen deutlich weniger Menschen beteiligt und eine kurze Durchführungszeit angesetzt ist und bei denen die Planung zudem noch übersichtlicher sein dürfte, kommt es immer wieder zu groben Mängeln.
So geschehen an einem flirrend heißen Sonntag im Mai in Schwabach: An der A6, südlich von Schwabach sollte in der Nacht von Samstag, den 21. Mai auf Sonntag, den 22. Mai eine Brücke, die über die Autobahn führt, abgerissen werden. Geplant war, dass die Abrissarbeiten am Sonntagmorgen, nach zehn Stunden Arbeit, um 6.00 Uhr beendet sein sollten. Der Sonntagsverkehr hätte somit ohne große Verzögerung fließen können. 
Doch es kam anders: Im Vorfeld wurde die Betonhärte der Autobahnbrücke nicht oder nicht ausreichend untersucht, die Anzahl der Schaulustigen wurde eklatant unterschätzt – und die Abrissarbeiten zogen sich deutlich in die Länge. Erst ab 15.00 Uhr konnten die Verkehrsteilnehmer die Autobahn wieder passieren. 
Das Problem dabei war vor allem die nicht vorhandene Informationspolitik an die Verkehrsteilnehmer. Es wurden keine Verkehrspolizisten abgestellt, es gab keine Ausschilderung der Umleitungsstrecke, keine mobilen Behelfsampeln, nichts dergleichen. Die Menschen standen viele Stunden bei sengender Sonne im Stau und mussten von Helfern des Roten Kreuzes und der Johanniter mit Getränken versorgt werden - einige erlitten gar einen Kreislaufzusammenbruch. Zu allem Überfluss geriet ein Fahrzeug in Brand, wobei sich die Löscharbeiten schwierig gestalteten, weil die Feuerwehr gar nicht erst bis zum Brandort vorankam.
Wie hätte dies verhindert werden können? Schlicht und einfach durch vorausschauende Planung. So hätte die für den Abriss verantwortliche Firma zunächst einen Brückenbohrkern entnehmen und ein Gutachten sowie eine technische Umweltanalyse erstellen lassen müssen und natürlich eine Verzögerung der Arbeiten einplanen und entsprechende Vorsorgemaßnahmen treffen müssen.
Projekte scheitern – ständig, im Kleinen wie im Großen. Meistens ließe sich dies durch entsprechend vorausschauende und sorgfältige Planung verhindern. Doch wenn es so einfach ist, warum wird diese Tatsache dann immer wieder ignoriert?

Haben Sie eigene Erlebnisse in ähnlichem Projektumfeld gehabt? Schreiben Sie uns und diskutieren Sie Ihre Erfahrungen. 
Aufgabe der IAPM International Association of Project Managers ist die Förderung von Projektmanagern und Projektmanagement weltweit. Lassen Sie uns in einen intensiven Austausch über Möglichkeiten treten, zukünftig ähnliche Probleme zu vermeiden. 

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